Dreiländertagung 2026

Der Stress ist größer geworden

Die international renommierte Expertin Ilona Kickbusch im Interview über Gesundheitsförderung in einer Zeit der Polykrisen und weshalb die Arbeitswelt globaler, flexibler und digitaler geworden ist – aber nicht gesünder.

Interview: Dietmar Schobel

VONEINANDER LERNEN Gesundheit entsteht dort, wo wir „spielen, lernen, arbeiten und lieben“ ist ein zentraler Satz in der Ottawa Charta. Dieses grundlegende Dokument für Gesundheitsförderung der Weltgesundheitsorganisation WHO wurde 1986 beschlossen. Wie hat sich die Arbeitswelt seither verändert?
Ilona Kickbusch: Die Veränderungen während der vergangenen Jahrzehnte waren massiv. Und sie sind in immer kürzeren Abständen erfolgt. Die Arbeitswelt ist globaler, flexibler und digitaler geworden. Durch technologische Innovationen und speziell durch die Automatisierung sind viele Arbeitsplätze in der Produktion verschwunden. Durch die Künstliche Intelligenz wird das künftig auch immer stärker Routineaufgaben in Bereichen wie der Verwaltung, der Buchhaltung, dem Kundenservice, der Datenanalyse, der Logistik und der Rechtsberatung betreffen und ebenso Teile der Informationstechnologie und der Kreativbranche. In sozialen Berufen, wie speziell auch der Pflege, hat die Zahl der Beschäftigten in den vergangenen Jahren hingegen zugenommen. Gleichzeitig gibt es hier einen Fachkräftemangel, weil der Bedarf noch stärker gewachsen ist.

VONEINANDER LERNEN Ist das Arbeiten in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten auch gesünder geworden?
Ilona Kickbusch: Beim Arbeitsschutz, also dem Vermeiden von Unfällen und anderen Schäden für Mensch und Umwelt, hat es in den entwickelten Regionen der Welt viele Fortschritte gegeben. Auf der anderen Seite steht, dass der Druck durch die Arbeit nicht geringer geworden ist. Der Anteil an Beschäftigten, die an Stress und psychischen Beschwerden leiden, ist zunehmend größer geworden. Auch dies steht in einem Zusammenhang zur Digitalisierung, durch die neue Möglichkeiten zur Dokumentation und Kontrolle der Arbeitsleistung entstanden sind. Sie verringern den Spielraum der Beschäftigten für autonome Entscheidungen. So steht etwa in der Langzeitpflege für jede Tätigkeit von der Ernährung bis zur Körperhygiene oft nur eine bestimmte, geringe Zahl an Minuten zur Verfügung. Die Beschäftigten geraten durch diesen Zeitdruck häufig in einen Konflikt zwischen ihren eigenen Ansprüchen, Menschen mit Pflegebedarf gut zu unterstützen – und dem, was aufgrund solcher Vorgaben gerade noch möglich ist.

VONEINANDER LERNEN Nicht nur die Arbeitswelt auch die Beschäftigten haben sich verändert. Welche Erwartungen haben die jüngeren Erwerbstätigen – also die Generationen Y und Z – an ihren Beruf?
Ilona Kickbusch: Sie stellen die Arbeit nicht mehr allen anderen Lebensbereichen voran und streben eine gute Work-Life-Balance an. Zahlreiche Organisationen berichten, dass sie manche Stellen heute erst gar nicht mehr auszuschreiben brauchen, wenn sie diese nicht als Teilzeitarbeit anbieten können. Jüngere Erwerbstätige möchten ihre Werte einbringen und suchen eine Beschäftigung, die ihnen Sinn gibt. Eine Unternehmenskultur, die auf ökologische Nachhaltigkeit ausgerichtet ist, sowie eine offene, partizipative Führung, bei der sie mitgestalten können, sind ihnen ebenfalls wichtig. Dass es immer mehr junge Männer gibt, die einen fairen Anteil der Care-Arbeit übernehmen wollen, speziell auch wenn sie Vater werden, ist eine weitere erfreuliche Entwicklung.

VONEINANDER LERNEN Wird dieser Entwicklung auch schon ausreichend Rechnung getragen?
Ilona Kickbusch: Die staatlichen Rahmenbedingungen für eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie die Strukturen für Kinderbetreuung sind im deutschen Sprachraum immer noch vergleichsweise schlecht. Die skandinavischen Staaten sind uns da weit voraus. Dort ist es in aller Regel auch üblich, dass das offizielle Ende des Arbeitstages strikt eingehalten wird. Somit werden keine wichtigen Meetings am Abend angesetzt. Für berufstätige Mütter und Väter kann das eine wesentliche Entlastung darstellen.

„Es war schon vor den aktuellen Krisen so, dass immer zu wenig in Prävention und Gesundheitsförderung investiert wurde.“

ILONA KICKBUSCH, EXPERTIN FÜR GLOBALE GESUNDHEIT

VONEINANDER LERNEN Welche Bedeutung hatten und haben diese Veränderungen für die Betriebliche Gesundheitsförderung?
Ilona Kickbusch: Die Arbeitsbedingungen haben wesentlichen Einfluss auf die Gesundheit. Umfassende und systematische Betriebliche Gesundheitsförderung kann entscheidend dazu beitragen, sie zu verbessern. Für viele Erwerbstätige, gerade auch aus der jüngeren Generation, kann sie zudem ein Faktor sein, sich dafür zu entscheiden, in einem bestimmten Betrieb zu arbeiten zu beginnen oder in diesem zu verbleiben. Das gilt speziell auch in Bezug auf die Arbeitsplätze im Gesundheitssektor. Dort sollte es längst selbstverständlich sein, dass für die Beschäftigten Maßnahmen zur Betrieblichen Gesundheitsförderung durchgeführt werden.

VONEINANDER LERNEN Die Ottawa Charta feiert heuer ihr 40-Jahre-Jubiläum. Wo steht die Gesundheitsförderung insgesamt aktuell, in einer Zeit der Polykrisen?
Ilona Kickbusch: Die schwierige wirtschaftliche Lage hat in manchen Ländern dazu geführt, dass im Gesundheitswesen zuerst bei Prävention und Gesundheitsförderung gespart wird. So wurde etwa in Australien, das oft als Vorbild für Gesundheitsförderung genannt wird, im Dezember angekündigt, die Victorian Health Promotion Foundation nicht mehr als unabhängige Agentur zu finanzieren. Auch wenn es in manchen Ländern und Bereichen Fortschritte gab, war es jedoch schon vor den aktuellen Krisen so, dass immer zu wenig in Prävention und Gesundheitsförderung investiert wurde, nicht zuletzt, weil der Nutzen kurzfristig und individuell nur schwer zu fassen ist. Gleichzeitig wissen wir aus zahlreichen Studien, dass durch Prävention und Gesundheitsförderung mit vergleichsweise geringem finanziellem Aufwand große gesundheitliche Verbesserungen erzielt werden können. Dabei greift das „Präventionsparadox“: Präventive Maßnahmen, die für die Bevölkerung und Gemeinschaften einen hohen Nutzen bringen, bieten dem einzelnen Menschen oft wenig. Da durch Prävention der Ernstfall nicht eintritt, wird der Erfolg der Massnahmen nicht voll sichtbar.

VONEINANDER LERNEN Was sind weitere Gründe dafür, dass viele Staaten zwar immer wieder mehr Prävention und Gesundheitsförderung ankündigen – dies aber nur selten verwirklichen?
Ilona Kickbusch: Die Gründe dafür liegen auch im Gesundheitssystem selbst. Die Versorgung von einzelnen Krankheiten einzelner Patientinnen und Patienten liefert in relativ kurzer Zeit sicht- und messbare Ergebnisse. Prävention und Gesundheitsförderung verbessern jedoch über einen relativ langen Zeitraum hinweg die Gesundheit der Bevölkerung insgesamt. Für diese Perspektive ist kein Platz in der Logik eines Gesundheitssystems, das eigentlich ein Krankenversorgungssystem ist. Zudem wird gesellschaftspolitisch nach wie vor viel zu wenig berücksichtigt, dass unsere Gesundheit auch von den Ernährungssystemen, den Wohnverhältnissen, den Bildungssystemen, den Arbeitsmärkten, den Steuersystemen und den Umweltbedingungen wesentlich beeinflusst wird.

Was kann Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) dazu beitragen, diese neuen und oft rasch wechselnden Anforderungen zu bewältigen?

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Die renommierte Expertin für globale Gesundheit Ilona Kickbusch war maßgeblich an der Entstehung der Ottawa Charta für Gesundheitsförderung der Weltgesundheitsorganisation WHO aus dem Jahr 1986 beteiligt.

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