Was wurde in der Betrieblichen Gesundheitsförderung bislang erreicht? Was wurde versäumt, und wo gibt es noch Potenziale? Wir haben Fachleute aus Deutschland, Österreich und der Schweiz dazu befragt.

Olaf Liebig, Referatsleiter im deutschen Bundesministerium für Gesundheit
In Deutschland haben die Krankenkassen seit 1989 einen gesetzlichen Auftrag zur Prävention. Seither haben sie auch Projekte für Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) entwickelt, begleitet und weiterverbreitet. Nachdem im Jahr 2000 auch der Begriff der BGF eingeführt wurde, setzte das Präventionsgesetz 2015 einen weiteren Meilenstein. In der Nationalen Präventionskonferenz der Sozialversicherungsträger hat die arbeitsweltbezogene Prävention und Gesundheitsförderung einen hervorgehobenen Stellenwert. Durch das Präventionsgesetz ist auch geregelt, dass die Krankenkassen zur Umsetzung ihrer Leistungsaufträge in den drei Bereichen Lebenswelten, BGF und individuelle verhaltensbezogene Prävention jährlich einen bestimmten Betrag aufwenden sollen. Laut dem Präventionsbericht des GKV-Spitzenverbandes waren das im Jahr 2024 insgesamt rund 686 Millionen Euro, wovon rund 282 Millionen auf die BGF entfallen sind. Insgesamt wurden so in rund 28.000 Betrieben etwa zwei Millionen Beschäftigte erreicht. Betriebliche Gesundheitsförderung ist für die Arbeitgeber ebenso wie in Österreich und der Schweiz eine freiwillige Leistung. Künftig wollen wir insbesondere auch Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitenden besser erreichen. Dafür sind Angebote mit relativ geringem Zeit- und Personalaufwand notwendig. Zudem setzen wir darauf, Netzwerke für BGF in kleinen und mittleren Unternehmen zu unterstützen – zum Beispiel innerhalb einer Region, eines Berufsverbandes oder einer Branche.

Julia Schitter, Gruppenleiterin im österreichischen Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz
In Österreich wurden die ersten Pilotprojekte für systematische Betriebliche Gesundheitsförderung in den frühen 1990er-Jahren durchgeführt. Seit 2000 gibt es das Österreichische Netzwerk für Betriebliche Gesundheitsförderung (ÖNBGF). Servicestellen in allen neun österreichischen Bundesländern beraten Unternehmen kostenlos beim Auf- und Ausbau von BGF. Organisationen, die vor Kurzem ein Projekt abgeschlossen oder BGF bereits in ihren regulären Betrieb integriert haben, können sich um das BGF-Gütesiegel des ÖNBGF bewerben, das jeweils drei Jahre lang gültig ist und erneuert werden kann. Aktuell sind rund 750.000 Beschäftigte in Betrieben tätig, die es erstmals oder bereits mehrmals erhalten haben. Zudem sorgt unsere nationale Strategie „Gesundheit im Betrieb“ seit 2019 dafür, dass die drei Handlungsfelder Arbeitnehmer:innenschutz, BGF und Betriebliches Eingliederungsmanagement besser vernetzt sind und die Kooperation verstärkt wurde. Insgesamt ist die Betriebliche Gesundheitsförderung in Österreich auf einem guten Weg. Herausforderungen gibt es ähnlich wie in Deutschland und der Schweiz dabei, kleine und mittlere Unternehmen sowie sozial benachteiligte Beschäftigte besser zu erreichen. Daher profitieren wir sehr vom Austausch mit diesen beiden Nachbarländern – sowohl in Bezug auf die wissenschaftlichen Grundlagen für unsere Arbeit als auch darauf, welche Tools sich in der Praxis international bereits bewährt haben.

Eric Bürki, Leiter Betriebliches Gesundheitsmanagement bei der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz
2008 hat in den Schweizer Krankenversicherungen das „Absenzenmanagement“ mehr Aufmerksamkeit bekommen, also was dafür getan werden kann, einzelne Mitarbeitende nach längeren Krankenständen wieder in den Betrieb einzugliedern. 2009 wurden die ersten Schweizer Unternehmen mit dem Label „Friendly Work Space“ für umfassende und nachhaltige Betriebliche Gesundheitsförderung ausgezeichnet. Aktuell tragen es 110 Unternehmen mit rund 215.000 Mitarbeitenden. Der Anstoß dazu kam aus der Wirtschaft. Organisationen, die 14 Qualitätskriterien erfüllen, können sich darum bewerben. Das Label wird von der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz für jeweils drei Jahre vergeben. Externe Beratende unterstützen die Betriebe dabei, es zu erwerben. Ihre Begleitung ist kostenpflichtig. Insgesamt betrachtet wird BGF in Deutschland und Österreich schon häufiger umgesetzt als in der Schweiz. Wir haben also Nachholbedarf. Dabei wollen wir in Zukunft vor allem auch das Thema psycho-soziale Gesundheit in den Vordergrund stellen. Die neue Webplattform www.navital.ch soll dabei unterstützen. Sie wendet sich speziell an kleine und mittlere Unternehmen. Führungskräfte finden hier Antworten auf Fragen rund um die Förderung der psycho-sozialen Gesundheit und können auch ein kostenloses Telefongespräch mit Experten buchen.
Störungen und andere Herausforderungen zu antizipieren, also vorherzusehen
Rafaël Weissbrodt: „Resilienz ist mehr als Widerstandsfähigkeit.“
Christian Scharinger: „Die Schlüsselfaktoren für resiliente Organisationen sind oftmals auch wesentlich für gezielte Maßnahmen der Betrieblichen Gesundheitsförderung.“
Frank Dopheide: „Wir setzen auf Kreativität statt auf Excel-Charts.“
ILONA KICKBUSCH, EXPERTIN FÜR GLOBALE GESUNDHEIT
VONEINANDER LERNEN Welche Bedeutung hatten und haben diese Veränderungen für die Betriebliche Gesundheitsförderung?
Ilona Kickbusch: Die Arbeitsbedingungen haben wesentlichen Einfluss auf die Gesundheit. Umfassende und systematische Betriebliche Gesundheitsförderung kann entscheidend dazu beitragen, sie zu verbessern. Für viele Erwerbstätige, gerade auch aus der jüngeren Generation, kann sie zudem ein Faktor sein, sich dafür zu entscheiden, in einem bestimmten Betrieb zu arbeiten zu beginnen oder in diesem zu verbleiben. Das gilt speziell auch in Bezug auf die Arbeitsplätze im Gesundheitssektor. Dort sollte es längst selbstverständlich sein, dass für die Beschäftigten Maßnahmen zur Betrieblichen Gesundheitsförderung durchgeführt werden.
VONEINANDER LERNEN Die Ottawa Charta feiert heuer ihr 40-Jahre-Jubiläum. Wo steht die Gesundheitsförderung insgesamt aktuell, in einer Zeit der Polykrisen?
Ilona Kickbusch: Die schwierige wirtschaftliche Lage hat in manchen Ländern dazu geführt, dass im Gesundheitswesen zuerst bei Prävention und Gesundheitsförderung gespart wird. So wurde etwa in Australien, das oft als Vorbild für Gesundheitsförderung genannt wird, im Dezember angekündigt, die Victorian Health Promotion Foundation nicht mehr als unabhängige Agentur zu finanzieren. Auch wenn es in manchen Ländern und Bereichen Fortschritte gab, war es jedoch schon vor den aktuellen Krisen so, dass immer zu wenig in Prävention und Gesundheitsförderung investiert wurde, nicht zuletzt, weil der Nutzen kurzfristig und individuell nur schwer zu fassen ist. Gleichzeitig wissen wir aus zahlreichen Studien, dass durch Prävention und Gesundheitsförderung mit vergleichsweise geringem finanziellem Aufwand große gesundheitliche Verbesserungen erzielt werden können. Dabei greift das „Präventionsparadox“: Präventive Maßnahmen, die für die Bevölkerung und Gemeinschaften einen hohen Nutzen bringen, bieten dem einzelnen Menschen oft wenig. Da durch Prävention der Ernstfall nicht eintritt, wird der Erfolg der Massnahmen nicht voll sichtbar.
VONEINANDER LERNEN Was sind weitere Gründe dafür, dass viele Staaten zwar immer wieder mehr Prävention und Gesundheitsförderung ankündigen – dies aber nur selten verwirklichen?
Ilona Kickbusch: Die Gründe dafür liegen auch im Gesundheitssystem selbst. Die Versorgung von einzelnen Krankheiten einzelner Patientinnen und Patienten liefert in relativ kurzer Zeit sicht- und messbare Ergebnisse. Prävention und Gesundheitsförderung verbessern jedoch über einen relativ langen Zeitraum hinweg die Gesundheit der Bevölkerung insgesamt. Für diese Perspektive ist kein Platz in der Logik eines Gesundheitssystems, das eigentlich ein Krankenversorgungssystem ist. Zudem wird gesellschaftspolitisch nach wie vor viel zu wenig berücksichtigt, dass unsere Gesundheit auch von den Ernährungssystemen, den Wohnverhältnissen, den Bildungssystemen, den Arbeitsmärkten, den Steuersystemen und den Umweltbedingungen wesentlich beeinflusst wird.
New Work ist gut für die Gesundheit
Ein autoritärer Führungsstil und starre Hierarchien werden in immer mehr Branchen und Unternehmen von neuen Arbeitsformen abgelöst, dem so genannten „New Work“. Teams, die selbst organisieren, wie sie Aufgaben aufteilen und wann sie diese erledigen, sind ein Beispiel dafür. Beim „Shared Leadership“ teilen sich zwei oder mehr Personen die Leitung einer Abteilung oder Organisation. Und bei Modellen wie der „Holokratie“ und der „Soziokratie“ wird sogar die gesamte Organisation in selbststeuernde Kreise oder Einheiten strukturiert. Hierarchien werden abgeflacht, Entscheidungen dezentral getroffen und die Mitarbeitenden stärker eingebunden. In der Schweiz setzen rund 30 Prozent der Erwerbsbevölkerung mindestens eine Form neuer Zusammenarbeit um. Eine aktuelle Überblicksarbeit, für die 47 Studien aus dem Zeitraum 2010 bis 2024 analysiert wurden, deutet darauf hin, dass sich New Work positiv auf die psychische Gesundheit auswirkt. „Arbeitsbezogene Ressourcen wie Autonomie, soziale Unterstützung und Vertrauen können tendenziell erhöht und Faktoren wie die Zufriedenheit, das Engagement und das Wohlbefinden der Erwerbstätigen positiv beeinflusst werden“, fasst Andreas Krause, Professor für Angewandte Psychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz, die Ergebnisse der Forschungsarbeit zusammen.