Das Durchschnittsalter der Beschäftigten steigt schon seit langem. Dennoch wurden und werden die Konzepte für alters- und alternsgerechtes Arbeiten nicht ausreichend umgesetzt.
Text: Dietmar Schobel
„Aufgrund des demografischen Wandels und des veränderten Erwerbsverhaltens steigt das Durchschnittsalter der Belegschaften schon seit Jahrzehnten. Viele Betriebe haben sich jedoch nach wie vor nicht darauf eingestellt“, sagt der Sozialwissenschaftler Götz Richter, Herausgeber der Bände „Arbeit und Altern“ und „Lernen in der digitalen Transformation“. Das zeige sich zum Beispiel darin, dass die Zahl der berufsbedingten Erkrankungen des Bewegungsapparates in den vergangenen 30 Jahren nicht ab- und jene der psychischen Beschwerden sogar zugenommen habe.
Gleichzeitig liegen die Konzepte für alters- und alternsgerechtes Arbeiten seit Jahrzehnten vor. Doch offenbar werden sie nicht ausreichend umgesetzt. So wird etwa am „Finnischen Institut für Arbeits- und Gesundheitsschutz“ (Finnisch Institute for Occupational Health – FIOH) schon seit den 1980er-Jahren erforscht, was notwendig ist
damit Beschäftigte mit ihrem Wissen und Können den Betrieben möglichst lange zur Verfügung stehen
das Pensionsalter möglichst gesund erreichen
und an Lebensqualität gewinnen.
Der finnische Arbeitspsychologe Juhani Ilmarinen, der als einer der führenden Experten für den Erhalt der „Workability“ oder Arbeitsfähigkeit gilt, bringt eines der wichtigsten Forschungsresultate auf den Punkt: „Produktivität ist nicht vom Alter abhängig, sondern von der Organisation der Tätigkeit“.
Die körperliche Leistungsfähigkeit nimmt zwar im Durchschnitt betrachtet mit zunehmendem Alter ab. Die psychischen, sozialen und kommunikativen Fähigkeiten können sich jedoch sogar erhöhen und ebenso die meisten geistigen Kompetenzen. Das wird durch zahlreiche fundierte wissenschaftliche Studien belegt.
Wie diese Potenziale genutzt und Arbeit alters- und alternsgerecht gestaltet werden kann, ist vielfach ebenfalls bekannt. Ergonomische Verbesserungen können etwa durch höhenverstellbare Tische, bessere Beleuchtung, Hebehilfen und anderes mehr erfolgen. Weniger Nacht- und Schichtarbeit für ältere Beschäftigte oder Jobrotation bei monotonen Tätigkeiten sind Beispiele für organisatorische Maßnahmen.
Götz Richter: „Viele Betriebe haben sich nach wie vor nicht darauf eingestellt, dass das Durchschnittsalter der Belegschaften steigt.“
Martina Petracek-Ankowitsch: „Übergangsmanagement bringt Vorteile für Mitarbeitende und Unternehmen.“
Birgit Schauerte: „Basisarbeiter:innen halten mit ihrer Tätigkeit unsere Gesellschaft am Laufen.“
Die Bedürfnisse ernst nehmen
Die Qualität der Führung ist ein wesentlicher Faktor dafür, Arbeit alters- und alternsgerecht und damit auch gesundheitsförderlich zu gestalten. Dazu gehört unter anderem, dass für Mitarbeitergespräche ausreichend Zeit reserviert wird, und dass Führungskräfte die Bedürfnisse der Mitarbeitenden in unterschiedlichen Lebensphasen erst nehmen – von den spezifischen Herausforderungen für Berufseinsteiger:innen bis zu jenen für Mitarbeitende kurz vor dem Ruhestand.
Götz Richter betont zudem die Bedeutung, die Lernen und Weiterbildung über das ganze Berufsleben hinweg haben: „Das ist gerade auch in einer Zeit notwendig, die von immer rascheren technologischen und organisatorischen Neuerungen geprägt ist. – Auf die Lernstrategien der älteren Beschäftigten einzugehen, wird dabei allerdings häufig vergessen.“
Während der Anteil von Mitarbeitenden mit einem höheren Alter an den Belegschaften wie schon erwähnt stetig zunimmt, wird es gleichzeitig in vielen Branchen zunehmend schwieriger, junge Fachkräfte zu finden. „Dadurch gewinnt das Übergangsmanagement an Bedeutung, durch das der Wechsel vom Arbeitsleben in die Pension zum Vorteil der Beschäftigten und ebenso des Unternehmens gestaltet werden soll“, sagt Martina Petracek-Ankowitsch, die Leiterin der Abteilung „Unfallverhütung und Gesundheitsförderung“ bei der österreichischen Versicherungsanstalt öffentlich Bediensteter, Eisenbahnen und Bergbau (BVAEB) mit Hauptsitz in Wien.
Das Know-how erhalten
„Einerseits geht es darum, dass ältere Beschäftigte ihr Know-how bestmöglich an jüngere Kolleginnen und Kollegen weitergeben, damit dieses nicht verloren geht“, erklärt die Expertin für Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF): „Andererseits wird den älteren Erwerbstätigen dadurch auch gezeigt, dass die Arbeit, die sie für das Unternehmen geleistet haben, anerkannt und wertgeschätzt wird.“ „Tandems“ von jüngeren und älteren Beschäftigten zu bilden, ist gerade im Rahmen von gesundheitsförderlichen Prozessen eine Möglichkeit, das Übergangsmanagement systematisch umzusetzen. Dieses sollte am besten schon fünf Jahre vor dem Pensionsantritt beginnen, um die Personalplanung von Betrieben und die persönliche Neuorientierung der Mitarbeitenden zu erleichtern. Das Thema „Übergangsmanagement“ ist auch ein Förderschwerpunkt des Fonds Gesundes Österreich.
„ORBiT“ (kurz für: Organisationaler Respekt und Basisarbeit in der Transformation) heißt ein Projekt in Deutschland, das die Arbeit so genannter „Basisarbeiter:innen“ gesundheitsförderlicher und damit auch alternsgerechter gestalten soll. Jede:r fünfte Erwerbstätige in Deutschland verrichtet Basistätigkeiten in der Reinigungsbranche, bei Lieferdiensten, in Pflege, Produktion oder Gastronomie, die keine oder nur eine geringe berufliche Qualifikation erfordern. „Diese Menschen halten mit ihrer Tätigkeit unsere Gesellschaft am Laufen – erhalten dafür aber häufig wenig Anerkennung“, sagt Birgit Schauerte, Teamleiterin für Forschung und Entwicklung beim Institut für Betriebliche Gesundheitsförderung in Köln, die das Projekt leitet.
Mehr Respekt für Basisarbeiter:innen
Bei ORBiT wurde deshalb das „Respekterleben“ in den Mittelpunkt gestellt. Ein Tool, mit dem der „organisationale Respekt“ anhand von 19 Fragen in den vier Bereichen „soziale Beziehungen“, „Führung“, „Unternehmenskultur“ und „Arbeitsbedingungen“ ermittelt werden kann, wurde entwickelt und in drei Pilotunternehmen mit 503 Basisarbeitenden und 165 Führungskräften erprobt.
Die Ergebnisse werden auf so genannten „Respect Maps“ dargestellt. Partizipation, also größtmögliche Beteiligung der Mitarbeitenden, ist ein Kernelement des Projekts, das insgesamt mehr Anerkennung, mehr Zufriedenheit und gesundheitsförderlichere Arbeitsbedingungen für Basisarbeitende zum Ziel hat. Dadurch soll die Tätigkeit einer besonders belasteten Gruppe von Beschäftigten alters- und alternsgerechter werden – und somit auch ihre Arbeitsfähigkeit besser erhalten bleiben.
ILONA KICKBUSCH, EXPERTIN FÜR GLOBALE GESUNDHEIT
New Work ist gut für die Gesundheit
Ein autoritärer Führungsstil und starre Hierarchien werden in immer mehr Branchen und Unternehmen von neuen Arbeitsformen abgelöst, dem so genannten „New Work“. Teams, die selbst organisieren, wie sie Aufgaben aufteilen und wann sie diese erledigen, sind ein Beispiel dafür. Beim „Shared Leadership“ teilen sich zwei oder mehr Personen die Leitung einer Abteilung oder Organisation. Und bei Modellen wie der „Holokratie“ und der „Soziokratie“ wird sogar die gesamte Organisation in selbststeuernde Kreise oder Einheiten strukturiert. Hierarchien werden abgeflacht, Entscheidungen dezentral getroffen und die Mitarbeitenden stärker eingebunden. In der Schweiz setzen rund 30 Prozent der Erwerbsbevölkerung mindestens eine Form neuer Zusammenarbeit um. Eine aktuelle Überblicksarbeit, für die 47 Studien aus dem Zeitraum 2010 bis 2024 analysiert wurden, deutet darauf hin, dass sich New Work positiv auf die psychische Gesundheit auswirkt. „Arbeitsbezogene Ressourcen wie Autonomie, soziale Unterstützung und Vertrauen können tendenziell erhöht und Faktoren wie die Zufriedenheit, das Engagement und das Wohlbefinden der Erwerbstätigen positiv beeinflusst werden“, fasst Andreas Krause, Professor für Angewandte Psychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz, die Ergebnisse der Forschungsarbeit zusammen.