Dreiländertagung 2026

Für den Klimaschutz aktiv werden

Willi Haas vom Institut für Soziale Ökologie der Universität für Bodenkultur in Wien im Interview über die Folgen des Klimawandels und was Betriebliche Gesundheitsförderung zum Klimaschutz beitragen kann.

Text: Dietmar Schobel

VONEINANDER LERNEN In die Weltklimakonferenz COP30 im November 2025 in Belém im brasilianischen Regenwald wurden große Erwartungen gesetzt. Wurden diese enttäuscht?
Willi Haas: Es war jedenfalls nicht klug, dass von den teilnehmenden Politikerinnen und Politikern keine wirkungsvolleren Maßnahmen beschlossen wurden. Der weltweite CO₂-Ausstoß steigt seit vielen Jahren kontinuierlich. Nur während der COVID-19-Pandemie gab es einen kurzen Rückgang. Bereits 2024 hat die Erderwärmung erstmals mehr als weltweit durchschnittlich 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau betragen. Mit den Maßnahmen, die von den Staaten der Welt derzeit versprochen werden, werden es Ende des Jahrhunderts 2,6 Grad sein. Mit jenen, die aktuell tatsächlich umgesetzt werden 3,1 Grad.

VONEINANDER LERNEN Welche Folgen wird das haben?
Unter anderem werden Hitzewellen deutlich länger und häufiger sein. Damit wird auch die Zahl der hitzebedingten Erkrankungen und Todesfälle steigen. Regionen im Nahen Osten, in Südasien und Teilen Afrikas werden gegen Ende des Jahrhunderts kaum noch bewohnbar sein. Dürren und Ernteausfälle werden noch deutlich öfter auftreten als dies jetzt schon der Fall ist. Küstenstädte, Inselstaaten und Deltas werden durch den Anstieg des Meeresspiegels massiv bedroht. Hunderte Millionen Menschen könnten zu Klimaflüchtlingen werden. Dazu kommt: Selbst wenn wir den weltweiten Ausstoß von Treibhausgasen morgen auf Null setzen würden, stellen sich Entlastungseffekte bei den Klimafolgen aufgrund der Trägheit des Klimasystems erst mit etwa zehn Jahren Verzögerung ein.

VONEINANDER LERNEN Die Herausforderungen durch den Klimawandel werden also kontinuierlich größer, während die Gegenmaßnahmen nach wie vor bei weitem nicht ausreichend sind. Warum?
Das Klima für den Klimaschutz ist derzeit schlecht. Einerseits ist das Vertrauen vieler Menschen in die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger geringer geworden und damit auch die Akzeptanz von Maßnahmen für den Klimaschutz, die von diesen getroffen werden. Andererseits sind vor allem auch die aktuellen wirtschaftlichen Schwierigkeiten ein Grund dafür, dass das Thema nicht populär ist. Für viele Menschen ist das Leben einfach nicht mehr leistbar, und für etliche von ihnen ist der Klimaschutz vermeintlich mit zusätzlichen finanziellen Belastungen, Einschränkungen und Verzicht verbunden. Daher scheuen die Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger vor Maßnahmen zurück, die die Einzelnen oder die Wirtschaft betreffen. Gleichzeitig werden der Klimawandel und dessen Folgen aber selbst in mitteleuropäischen Ländern wie Österreich immer spürbarer – auch in Bezug auf die Gesundheit. Das lässt auf eine Trendwende hoffen.

„Der Klimawandel und dessen Folgen werden immer spürbarer.“

WILLI HAAS, FORSCHER AM INSTITUT FÜR SOZIALE ÖKOLOGIE IN WIEN

VONEINANDER LERNEN Was ist dafür notwendig?
Anstatt an Menschen zu appellieren, etwas anders zu machen, können die Verhältnisse so gestaltet werden, dass es attraktiver ist, gesund und klimafreundlich zu handeln, als das nicht zu tun. Zudem sollten in der Kommunikation zum Klimawandel und den Problemen, die durch diesen entstehen, auch immer konkrete Handlungsmöglichkeiten angegeben werden – sonst kann bei den Menschen ein Gefühl der Ohnmacht entstehen. In der Betrieblichen Gesundheitsförderung gibt es dafür viele Lösungsansätze.

VONEINANDER LERNEN Was sind Beispiele dafür?
Wenn die Beschäftigten zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit kommen, dann ist das für die Gesundheit gut und hilft zugleich CO₂ und andere Treibhausgase einzusparen. Betriebe können etwa dabei unterstützen, indem sie Fahrradabstellanlagen errichten oder einen Teil der Kosten von Rädern oder Tickets für den öffentlichen Verkehr übernehmen. Wenn in der Betriebskantine mehr pflanzenbasierte Kost angeboten wird, kann das ebenfalls dazu beitragen, Emissionen zu verringern. Denn bei der Produktion von pflanzlichen Lebensmitteln entstehen wesentlich weniger CO₂ und andere Treibhausgase als bei der Erzeugung tierischer Nahrungsmittel. Durch solche Maßnahmen in den Betrieben erfahren die Mitarbeitenden zudem, wie sie selbst aktiv werden können. Sie sehen, dass wir dem Klimawandel nicht ohnmächtig gegenüberstehen, und dass ökologisches Handeln auch der Gesundheit nützt. So kann Betriebliche Gesundheitsförderung mit einem erweiterten und integrierten Ansatz auch den Klimaschutz unterstützen und stärken. Dazu gehört auch, dass Betriebliche Gesundheitsförderung den notwendigen wirtschaftlichen Strukturwandel begleitet, weil Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer lieber in zukunftsweisenden als in psychisch belastenden umweltverschmutzenden Unternehmen arbeiten wollen.

VONEINANDER LERNEN Was hat der „Zeitwohlstand“ mit Gesundheit und Klimaschutz zu tun?
Menschen, die zu wenig Zeit haben, also unter „Zeitarmut“ leiden, sind auch häufiger von Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, chronischem Stress und Burn-out betroffen. Es fehlt ihnen an Zeit für notwendige Arztbesuche und soziale Aktivitäten sowie für gesunde und klimafreundliche aktive Mobilität. Zudem greifen sie öfter zu Fertiggerichten, statt aus frischen Zutaten selbst eine Mahlzeit zuzubereiten. Dabei handelt es sich nicht in erster Linie nur um die Spitzenverdienenden, die viele Überstunden leisten, sondern besonders häufig um armutsbetroffene Menschen und Personen mit geringem Einkommen. Sie müssen oft mehrere schlecht bezahlte Jobs gleichzeitig ausüben und zudem viel Zeit dafür aufwenden, möglichst günstig einzukaufen. Ebenso sind speziell Frauen betroffen, weil die unbezahlte Sorgearbeit für Kinder und ältere Familienmitglieder nach wie vor meist großteils von ihnen geleistet wird. Eine sozial orientierte Politik, die diese Faktoren von „Zeitwohlstand“ berücksichtigt, würde also auch zugleich den Klimaschutz unterstützen.

Gesundheit und Nachhaltigkeit
Ein aktueller Wissensband des Fonds Gesundes Österreich und des BKK Dachverbands beschreibt, was die Themen Gesundheit und Klimaschutz gemeinsam haben und wie sie durch Betriebliche Gesundheitsförderung miteinander verbunden werden können. Die 84 Seiten starke Broschüre enthält Argumente, Qualitätskriterien und Praxisanregungen für Gesundheit und Nachhaltigkeit im Setting Betrieb und steht unter https://fgoe.org/node/4702 kostenlos zum Download zur Verfügung.

damit Beschäftigte mit ihrem Wissen und Können den Betrieben möglichst lange zur Verfügung stehen

Fotocredit: © Privat

Götz Richter: „Viele Betriebe haben sich nach wie vor nicht darauf eingestellt, dass das Durchschnittsalter der Belegschaften steigt.“

Fotocredit: © Privat

Martina Petracek-Ankowitsch: „Übergangsmanagement bringt Vorteile für Mitarbeitende und Unternehmen.“

Fotocredit: © human unlimited

Birgit Schauerte: „Basisarbeiter:innen halten mit ihrer Tätigkeit unsere Gesellschaft am Laufen.“

Fotocredit: © Jo Hloch

Willi Haas wurde 1959 geboren, war Geschäftsführer des Österreichischen Ökologieinstitutes, Acting Director der Environmental Monitoring Group in Kapstadt und forscht seit 1998 am Institut für Soziale Ökologie, das seit 2018 an der Universität für Bodenkultur Wien angesiedelt ist.

Weitere Magazin-Artikel für Sie

Der Stress ist größer geworden

Die international renommierte Expertin Ilona Kickbusch im Interview über Gesundheitsförderung in einer Zeit der Polykrisen und weshalb die Arbeitswelt globaler, flexibler und digitaler geworden ist – aber nicht gesünder ...

Krisen meistern und Chancen nutzen

Die 5. Dreiländertagung für Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) Mitte März in Innsbruck zeigt, wie BGF dazu beiträgt, Resilienz aufzubauen und zu stärken, und weshalb das in einer Zeit der Unsicherheit besonders wichtig ist ...

Den Wandel gestalten

Die Gesundheitswissenschaftlerin Gudrun Faller über die aktuellen Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft, wie Unternehmen Resilienz entwickeln können und weshalb verhaltensbezogene Maßnahmen dafür nicht ausreichen ...