Drei Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen, wie Unternehmen erfolgreich Betriebliche Gesundheitsförderung mit Nachhaltigkeit verbinden. Die beiden Bereiche haben oft dieselben Ziele.
Text: Dietmar Schobel
„Trainingsinsel“ und Fahrradleasing bei Merck in Deutschland
Der Wissenschafts- und Technologiekonzern Merck hat weltweit rund 60.000 Mitarbeitende. Etwa 13.000 davon sind in Deutschland tätig und rund 11.000 am Hauptsitz in Darmstadt. „Unser Betriebsgelände ist mehr als einen Quadratkilometer groß. Da ist es auch eine logistische Herausforderung, Maßnahmen für Betriebliche Gesundheitsförderung zu allen Beschäftigten zu bringen“, berichtet Manfred Gertig, der das Betriebliche Gesundheitsmanagement von Merck in Deutschland verantwortet.
Die „Trainingsinsel“ ist eine der Lösungen, die hierfür als aufsuchende Maßnahme zur Gesundheitsförderung eingesetzt wird. Ein Kleinbus bringt qualifizierte Trainerinnen und Trainer und deren Equipment während der Arbeit direkt zu den einzelnen Betriebsstätten. Bei einem persönlichen Training von zwölf Minuten Dauer wird auf die individuelle Beanspruchung der Mitarbeitenden eingegangen. Es werden ihnen genau jene Übungen gezeigt, die für sie den besten Ausgleich darstellen.
Das Angebot für Betriebssport reicht bei dem deutschen Konzern von Fußball bis zu Tischtennis und Triathlon, und im unternehmenseigenen Health Center kann an Fitnessgeräten trainiert werden. Neben Workshops und Webinaren zu Themen wie „Stressmanagement“, „gesunde Führung“ oder „Resilienz“ gibt es auch Kurse zur Ernährungsumstellung sowie zur Ernährungspsychologie. Zudem wird auf gesunde Arbeitsverhältnisse und ergonomisches Arbeiten geachtet. Über 150 Mitarbeitende wurden in einem zweitägigen Workshop dafür ausgebildet, diese und alle anderen Maßnahmen als „Gesundheitspartner:innen“ bei ihren Kolleginnen und Kollegen bekannt zu machen.
Nicht zuletzt unterstützt Merck den Kauf von Monatskarten für den öffentlichen Verkehr sowie das Leasing von Fahrrädern, E-Bikes und Lastenrädern. Am Werksgelände wurden auch verschließbare Abstellplätze für Fahrräder geschaffen. „Wer mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad zur Arbeit kommt, tut etwas für seine Gesundheit und zugleich für die Umwelt“, sagt Manfred Gertig.
Caritas Steiermark: BGF soll täglich gelebt werden

„Betriebliche Gesundheitsförderung ist in der Caritas Steiermark seit 2009 systematisch verankert und Nachhaltigkeit Teil der Unternehmensstrategie“, sagt Stefanie Posch, die bei der sozialen Hilfsorganisation in dem österreichischen Bundesland für Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) verantwortlich ist. 2.400 hauptamtlich Mitarbeitende, 2.100 Freiwillige, 204 Zivildiener und 190 Lehrer:innen sind für die Caritas Steiermark tätig.
BGF soll in der täglichen Zusammenarbeit gelebt werden und ist auch Teil der regelmäßigen Mitarbeiterbefragungen. Weiterbildungen für „Gesundes Führen“, „Stressmanagement“ und „Resilienzförderung“ sowie die Teilnahme an Laufveranstaltungen sind einige Beispiele für die praktischen Aktivitäten. Diese sind für hauptamtlich Mitarbeitende und meist ebenso für Freiwillige sowie Praktikantinnen und Praktikanten offen. Die Caritas Steiermark unterstützt zudem den Ankauf von Tickets für den öffentlichen Verkehr und das Leasing von Fahrrädern.
Die Initiativen für den Klimaschutz sind ebenfalls vielfältig. So wird etwa in nicht weniger als 33 „Carla“-Shops in der Steiermark Second-Hand-Kleidung verkauft, in Repair-Cafés wird vorgezeigt, wie defekte Konsumgüter wieder repariert werden können und für Menschen mit geringem Einkommen gibt es eine kostenlose Energiesparberatung. All dies ist nicht nur nachhaltig, sondern bringt auch Menschen zusammen. – „Der Klimaschutz und die Betriebliche Gesundheitsförderung haben oft dieselben Ziele“, sagt Stefanie Posch zusammenfassend.
E-Autos und pflanzliche Kost bei menuandmore
„Bis Ende 2026 werden wir zu 80 Prozent E-Autos verwenden, und 2030 wird unser Fuhrpark ausschließlich aus ihnen bestehen“, beschreibt Helene Teuscher eines der Nachhaltigkeitsziele der Menu and More AG. Die gebürtige Wienerin ist als HR-Leiterin bei dem Schweizer Anbieter von Kinder- und Jugendverpflegung auch für das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) zuständig. 82 Mitarbeitende aus 28 Nationen liefern täglich mehrere Tausend Mahlzeiten an über 600 Mittagstische in der Deutschschweiz.
Bereits die Hälfte der Bestellungen entfällt aktuell auf rein vegetarische Menüs. Dafür war in den vergangenen Jahren viel Überzeugungsarbeit notwendig. Webinare zum Thema „gesunde Ernährung“ für die Beschäftigten der von menuandmore belieferten Kitas und Horte haben dazu beigetragen. „Mehr pflanzliche und weniger tierische Produkte sind gut für die Gesundheit und ebenso für die Umwelt“, betont Helene Teuscher.
Alle sechs Wochen finden Meetings für sämtliche Mitarbeitenden statt. Dabei wird auch stets nach Vorschlägen für neue gesundheitsförderliche Maßnahmen gefragt. Schulungen für richtiges Heben und Übungen bei einem „Stolperparcours“ zur Vermeidung von Stürzen werden schon seit Längerem angeboten. Und am neuen Produktionsstandort in Spreitenbach, der im Juli 2025 bezogen wurde, wurde insgesamt auf viel Licht, gute Belüftung und möglichst ergonomisches Arbeiten geachtet. Bei der Schweizer Firma ist BGM ein Teil der Nachhaltigkeitsstrategie. „Die beiden Bereiche ergänzen sich und machen Unternehmen zukunftsfit“, meint Helene Teuscher.
Annika Schönauer: „Durch die Digitalisierung wurde Arbeit immer noch effizienter gestaltet und verdichtet.“
Andreas Krause: „Die digitalen Kompetenzen der Mitarbeitenden müssen gefördert und weiterentwickelt werden.“
Julia Reichardt: „Unsere digitalen Angebote sollen unterstützen, aber die persönliche Beratung nicht ersetzen.“
ILONA KICKBUSCH, EXPERTIN FÜR GLOBALE GESUNDHEIT
VONEINANDER LERNEN Welche Bedeutung hatten und haben diese Veränderungen für die Betriebliche Gesundheitsförderung?
Ilona Kickbusch: Die Arbeitsbedingungen haben wesentlichen Einfluss auf die Gesundheit. Umfassende und systematische Betriebliche Gesundheitsförderung kann entscheidend dazu beitragen, sie zu verbessern. Für viele Erwerbstätige, gerade auch aus der jüngeren Generation, kann sie zudem ein Faktor sein, sich dafür zu entscheiden, in einem bestimmten Betrieb zu arbeiten zu beginnen oder in diesem zu verbleiben. Das gilt speziell auch in Bezug auf die Arbeitsplätze im Gesundheitssektor. Dort sollte es längst selbstverständlich sein, dass für die Beschäftigten Maßnahmen zur Betrieblichen Gesundheitsförderung durchgeführt werden.
VONEINANDER LERNEN Die Ottawa Charta feiert heuer ihr 40-Jahre-Jubiläum. Wo steht die Gesundheitsförderung insgesamt aktuell, in einer Zeit der Polykrisen?
Ilona Kickbusch: Die schwierige wirtschaftliche Lage hat in manchen Ländern dazu geführt, dass im Gesundheitswesen zuerst bei Prävention und Gesundheitsförderung gespart wird. So wurde etwa in Australien, das oft als Vorbild für Gesundheitsförderung genannt wird, im Dezember angekündigt, die Victorian Health Promotion Foundation nicht mehr als unabhängige Agentur zu finanzieren. Auch wenn es in manchen Ländern und Bereichen Fortschritte gab, war es jedoch schon vor den aktuellen Krisen so, dass immer zu wenig in Prävention und Gesundheitsförderung investiert wurde, nicht zuletzt, weil der Nutzen kurzfristig und individuell nur schwer zu fassen ist. Gleichzeitig wissen wir aus zahlreichen Studien, dass durch Prävention und Gesundheitsförderung mit vergleichsweise geringem finanziellem Aufwand große gesundheitliche Verbesserungen erzielt werden können. Dabei greift das „Präventionsparadox“: Präventive Maßnahmen, die für die Bevölkerung und Gemeinschaften einen hohen Nutzen bringen, bieten dem einzelnen Menschen oft wenig. Da durch Prävention der Ernstfall nicht eintritt, wird der Erfolg der Massnahmen nicht voll sichtbar.
VONEINANDER LERNEN Was sind weitere Gründe dafür, dass viele Staaten zwar immer wieder mehr Prävention und Gesundheitsförderung ankündigen – dies aber nur selten verwirklichen?
Ilona Kickbusch: Die Gründe dafür liegen auch im Gesundheitssystem selbst. Die Versorgung von einzelnen Krankheiten einzelner Patientinnen und Patienten liefert in relativ kurzer Zeit sicht- und messbare Ergebnisse. Prävention und Gesundheitsförderung verbessern jedoch über einen relativ langen Zeitraum hinweg die Gesundheit der Bevölkerung insgesamt. Für diese Perspektive ist kein Platz in der Logik eines Gesundheitssystems, das eigentlich ein Krankenversorgungssystem ist. Zudem wird gesellschaftspolitisch nach wie vor viel zu wenig berücksichtigt, dass unsere Gesundheit auch von den Ernährungssystemen, den Wohnverhältnissen, den Bildungssystemen, den Arbeitsmärkten, den Steuersystemen und den Umweltbedingungen wesentlich beeinflusst wird.
Was kann Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) dazu beitragen, diese neuen und oft rasch wechselnden Anforderungen zu bewältigen?
New Work ist gut für die Gesundheit
Ein autoritärer Führungsstil und starre Hierarchien werden in immer mehr Branchen und Unternehmen von neuen Arbeitsformen abgelöst, dem so genannten „New Work“. Teams, die selbst organisieren, wie sie Aufgaben aufteilen und wann sie diese erledigen, sind ein Beispiel dafür. Beim „Shared Leadership“ teilen sich zwei oder mehr Personen die Leitung einer Abteilung oder Organisation. Und bei Modellen wie der „Holokratie“ und der „Soziokratie“ wird sogar die gesamte Organisation in selbststeuernde Kreise oder Einheiten strukturiert. Hierarchien werden abgeflacht, Entscheidungen dezentral getroffen und die Mitarbeitenden stärker eingebunden. In der Schweiz setzen rund 30 Prozent der Erwerbsbevölkerung mindestens eine Form neuer Zusammenarbeit um. Eine aktuelle Überblicksarbeit, für die 47 Studien aus dem Zeitraum 2010 bis 2024 analysiert wurden, deutet darauf hin, dass sich New Work positiv auf die psychische Gesundheit auswirkt. „Arbeitsbezogene Ressourcen wie Autonomie, soziale Unterstützung und Vertrauen können tendenziell erhöht und Faktoren wie die Zufriedenheit, das Engagement und das Wohlbefinden der Erwerbstätigen positiv beeinflusst werden“, fasst Andreas Krause, Professor für Angewandte Psychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz, die Ergebnisse der Forschungsarbeit zusammen.