Die Gesundheitswissenschaftlerin Gudrun Faller über die aktuellen Krisen in Wirtschaft und Gesellschaft, wie Unternehmen Resilienz entwickeln können und weshalb verhaltensbezogene Maßnahmen dafür nicht ausreichen.
Interview: Dietmar Schobel
VONEINANDER LERNEN Die SARS-CoV2-Pandemie, der Ukrainekrieg, geopolitische Verwerfungen, wirtschaftliche Schwierigkeiten und der fortdauernde Klimawandel: Die Liste der aktuellen Krisen ist lang. Sind sie zum Normalzustand geworden?
Gudrun Faller Wir leben tatsächlich in einer Zeit der Polykrise. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass Krisenphänomene nicht unabhängig voneinander verlaufen, sondern miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig verstärken. Die Herausforderungen, die dadurch entstehen, lassen sich nur im Verbund und durch sektorenübergreifendes Vorgehen bearbeiten. Das setzt Kooperation und Konsensbereitschaft voraus. Gesellschaftliche Akteurinnen und Akteure müssen sich hier einbringen, das gilt auch für das Zusammenwirken im Bereich der Betrieblichen Gesundheitsförderung.
VONEINANDER LERNEN Kann das mehr sein als ein „Tropfen auf den heißen Stein“?
Gerade auf organisationaler Ebene kann die Betriebliche Gesundheitsförderung viel bewirken, wenn sie systematisch und umfassend umgesetzt wird und sich mit anderen Handlungsfeldern verbündet. Wichtig sind zudem gemeinschaftliche Strategien. So können Unternehmen, die sich an Netzwerken für Betriebliche Gesundheitsförderung beteiligen, positive Dynamiken entfalten und verstärken. Verhaltenspräventive Ansätze auf der individuellen Ebene der Beschäftigten sind jedenfalls nicht ausreichend.
VONEINANDER LERNEN Die aktuellen Krisen haben zu wachsender Unsicherheit geführt. Dadurch hat das Konzept der „Resilienz“ an Bedeutung gewonnen – sowohl in der Organisationsentwicklung insgesamt als auch speziell in der Betrieblichen Gesundheitsförderung. Worauf kommt es dabei an?
„Resilienz“ ist ein Konzept, auf das gerne Bezug genommen wird. Es bringt zum Ausdruck, dass Menschen, die auf ihre eigenen Fähigkeiten, Kenntnisse und Stärken vertrauen, Herausforderungen besser bewältigen und Krisen überwinden können. Auf organisationaler Ebene sind resiliente Unternehmen besser auf Krisen vorbereitet und gehen womöglich sogar gestärkt daraus hervor. Aktuell werden Maßnahmen, welche die Resilienz erhöhen sollen, in der Betrieblichen Gesundheitsförderung stark nachgefragt. Wissenschaftliche Studien zum Thema Resilienz zeigen jedoch, dass sich diese nicht unabhängig vom jeweiligen sozialen Kontext entwickelt. Das bedeutet, dass Maßnahmen auf organisationaler Ebene wirksamer sind – also zum Beispiel, wenn die Arbeitsorganisation oder das Arbeitsumfeld gesundheitsförderlich gestaltet werden.
VONEINANDER LERNEN Welche weiteren Veränderungen haben wir in der Arbeitswelt in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten erlebt?
Mobilität und Flexibilität haben zugenommen. Immer mehr Beschäftigte arbeiten nicht in ihrer Herkunftsregion oder ihrem Herkunftsland. Zudem arbeiten heute viele Menschen im Homeoffice, wozu speziell auch die SARS-CoV-2-Pandemie beigetragen hat. Arbeitszeiten können vielfach autonomer gestaltet werden und neue Formen der Zusammenarbeit in Teams ohne starre Hierarchien spielen in manchen Branchen eine immer größere Rolle. Das hat für Betriebe und besonders für die Führungskräfte dort große Veränderungen mit sich gebracht. Entscheidungskompetenz wurde delegiert, und neue Formen der Kommunikation sind notwendig geworden. Insgesamt erleben wir den Übergang von einer Präsenzkultur zu einer Leistungskultur. Es wird also weniger darauf geachtet, wer als erster am Arbeitsplatz ist und als letzter geht, sondern mehr darauf, welche Arbeitsergebnisse Mitarbeitende erzielen. Zudem gibt es einen Trend zu mehr Diversität der Belegschaften.
GUDRUN FALLER, PROFESSORIN AN DER HOCHSCHULE BOCHUM
VONEINANDER LERNEN Woran lässt sich dieser Trend erkennen?
In Deutschland zeigt sich das unter anderem darin, dass der Anteil der erwerbstätigen 55- bis 64-Jährigen ebenso gestiegen ist wie jener der Erwerbstätigen mit Care-Aufgaben oder von Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Ebenso hat sich die Quote der Beschäftigten mit einem Migrationshintergrund vergrößert. Diversityorientierte Betriebliche Gesundheitsförderung wird dadurch immer wichtiger. Sie kann dazu beitragen, Beschäftigte aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen nicht nur für ein Unternehmen zu gewinnen, sondern auch dafür zu sorgen, dass sie nachhaltig dort verbleiben. Das setzt voraus, die Mitarbeitenden nicht nur als Produktionsfaktor zu betrachten, sondern sie nach ihren Bedürfnissen zu fragen. Moderierte Arbeitskreise wie „Gesundheitszirkel“ sind dafür nach wie vor das Instrument der Wahl. Sie ermöglichen es, die arbeitsbedingten Gesundheitsbelastungen aus Sicht der Betroffenen zu ermitteln und geeignete Maßnahmen zu entwickeln.
VONEINANDER LERNEN Was ist ein Praxisbeispiel für „diversityorientierte Betriebliche Gesundheitsförderung“?
Die Bedeutung der kulturellen Vielfalt zeigt sich beispielsweise im Gesundheitswesen. Aufgrund des demografischen Wandels und des wachsenden Fachkräftemangels wird es immer wichtiger, etwa für die Pflege Arbeitskräfte auch aus Ländern außerhalb der Europäischen Union zu gewinnen, die dafür gezielt angeworben werden. Relativ viele wandern aber nach vergleichsweise kurzer Zeit wieder ab. Das macht eine bessere Integration notwendig. Eine aktuelle Erhebung zeigt, dass für die Entscheidung, zu bleiben oder wieder abzuwandern, meist soziale und gesellschaftliche Faktoren sowie die Arbeitsbedingungen ausschlaggebend sind. Diversityorientierte Betriebliche Gesundheitsförderung ermöglicht es, diese Bedarfe zu erkennen, auf kulturelle Unterschiede einzugehen und Integration und Zusammenarbeit positiv zu gestalten.
VONEINANDER LERNEN Welche Bedeutung hat Betriebliche Gesundheitsförderung insgesamt für Branchen mit besonders hohen Belastungen wie den Pflegebereich?
Neben der Pflege sind etwa das Bauwesen, die Entsorgung, der Handel sowie Boten- und Reinigungsdienste Wirtschaftszweige, in denen die Beschäftigten oft gesundheitlich besonders belastet sind. In diesen Branchen sind häufig so genannte „Basisarbeiter:innen“ mit keiner oder einer relativ geringen beruflichen Qualifikation tätig. Während der SARS-CoV-2-Pandemie haben wir gesehen, wie wichtig sie als Systemerhalter:innen für die Gesellschaft sind. Die wenigen Wochen, in denen ihre Leistung öffentlich anerkannt und ihnen applaudiert wurde, reichen jedoch nicht aus, um die erheblichen Belastungen in diesen Branchen zu kompensieren. Betriebliche Gesundheitsförderung muss diejenigen Zielgruppen adressieren, die den größten Bedarf haben. Durch objektive Indikatoren wie Krankenstände, Erkenntnisse der arbeitsmedizinischen Vorsorge oder Gefährdungsbeurteilungen kann – selbstverständlich unter Beachtung des Datenschutzes – bestimmt werden, welche Branchen, Unternehmen oder auch Gruppen innerhalb eines Unternehmens besonders belastet sind. Im zweiten Schritt geht es dann darum, geeignete gesundheitsförderliche Maßnahmen unter aktiver Einbindung der Basisarbeitenden zu entwickeln. Die Betriebliche Gesundheitsförderung der Zukunft muss ein entsprechendes Sensorium für neue Benachteiligungen, Bedarfslagen und Beschäftigtengruppen entwickeln und die Betroffenen ebenso wie die Entscheidungstragenden mit geeigneten Argumenten für eine gesundheitsfördernde Arbeitsgestaltung gewinnen.
Gudrun Faller ist Gesundheitswissenschaftlerin und Professorin für Kommunikation und Intervention im Kontext Gesundheit und Arbeit an der Hochschule Bochum.