Die 5. Dreiländertagung für Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) Mitte März in Innsbruck zeigt, wie BGF dazu beiträgt, Resilienz aufzubauen und zu stärken, und weshalb das in einer Zeit der Unsicherheit besonders wichtig ist.
Wir leben in einer Zeit der Krisen und des Wandels – egal ob wir dabei an die COVID-19-Pandemie, den Krieg in der Ukraine, die schwierige wirtschaftliche Situation oder die Gefährdung der Demokratien und der regelbasierten Weltordnung denken. „Dies stellt Unternehmen und andere Organisationen sowie deren Mitarbeitende vor enorme Herausforderungen“, sagt Michael Blum, Referent in der Abteilung Gesundheitsförderung, Pflege und Rehabilitation beim deutschen BKK Dachverband e.V.
Was kann Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) dazu beitragen, diese neuen und oft rasch wechselnden Anforderungen zu bewältigen?
Und wie unterstützt BGF den Aufbau von Resilienz der einzelnen Beschäftigten und vor allem auch der Organisationen insgesamt?
Diese Fragen stehen daher im Mittelpunkt der 5. Dreiländertagung für Betriebliche Gesundheitsförderung am Mittwoch 11. und Donnerstag 12. März im Congress Messe Innsbruck. Sie trägt den Titel: „Für einen Walzer braucht es drei – Krisen meistern, Chancen nutzen, Resilienz entwickeln in der Arbeitswelt“.
Renommierte Vortragende
Rund 200 Teilnehmende aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Interessenvertretungen und der Wirtschaft besuchen die Veranstaltung in der Tiroler Landeshauptstadt. Renommierte Vortragende wie die Expertin für globale Gesundheit Ilona Kickbusch, der Werbeunternehmer, Medienmanager und Consultant Frank Dopheide, die Gesundheitswissenschaftlerin Gudrun Faller und der Klimafachmann Willi Haas beschäftigen sich in ihren Keynotes mit den Problemen in den aktuellen Jahren der Transformation – und machen Vorschläge, wie man ihnen begegnen kann.
Jeweils sechs Fachforen ermöglichen an beiden Konferenztagen die eingehende und interaktive Beschäftigung mit Themen wie „BGF und Klima“, „Sucht in der Arbeitswelt“ oder auch „Arbeit als sozialer Ort“. „Jedes Fachforum wird ,trilateral‘ gestaltet“, erklärt Tanja Iff, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Schweizer Bundesamt für Gesundheit. Es gibt also bei jedem davon aus den drei an der Tagung beteiligten Länder Deutschland, Österreich und der Schweiz je ein Praxisbeispiel, einen wissenschaftlichen Input oder ein Statement.
Austausch und Vernetzung
Bei den „Dreiländercafés“ steht die intensive Diskussion in Kleingruppen im Mittelpunkt. Das Ziel ist dabei dasselbe, wie bei der Tagung insgesamt: Die Teilnehmenden sollen sich zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie innovativen Projekten und Strategien austauschen, miteinander vernetzen und voneinander lernen. Im besten Fall kann das bedeuten, neue Einsichten zu gewinnen und zuhause anzuwenden, praktische Aktivitäten von einem Land auf das andere zu transferieren oder länderübergreifende Kooperationen für weitere Entwicklungen einzugehen.
Davon sollen letztlich alle profitieren: Die Unternehmen ebenso wie ihre Beschäftigten und die Gesellschaft insgesamt. „Denn Betriebliche Gesundheitsförderung lohnt sich – gerade auch in einer Zeit der Krisen. Sie verringert die Zahl der Arbeitsausfälle und ermöglicht es, länger zu arbeiten und dabei gesünder zu bleiben“, betont Gert Lang, Referent für BGF beim Fonds Gesundes Österreich.
Michael Blum: „Unternehmen und andere Organisationen stehen in unserer Zeit des Wandels vor enormen Herausforderungen“
Tanja Iff: „Jedes Fachforum bei der Dreiländertagung für BGF wird ,trilateral‘ gestaltet.“
Gert Lang: „Betriebliche Gesundheitsförderung lohnt sich – gerade auch in einer Zeit der Krisen.“
GUDRUN FALLER, PROFESSORIN AN DER HOCHSCHULE BOCHUM
VONEINANDER LERNEN Woran lässt sich dieser Trend erkennen?
In Deutschland zeigt sich das unter anderem darin, dass der Anteil der erwerbstätigen 55- bis 64-Jährigen ebenso gestiegen ist wie jener der Erwerbstätigen mit Care-Aufgaben oder von Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Ebenso hat sich die Quote der Beschäftigten mit einem Migrationshintergrund vergrößert. Diversityorientierte Betriebliche Gesundheitsförderung wird dadurch immer wichtiger. Sie kann dazu beitragen, Beschäftigte aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen nicht nur für ein Unternehmen zu gewinnen, sondern auch dafür zu sorgen, dass sie nachhaltig dort verbleiben. Das setzt voraus, die Mitarbeitenden nicht nur als Produktionsfaktor zu betrachten, sondern sie nach ihren Bedürfnissen zu fragen. Moderierte Arbeitskreise wie „Gesundheitszirkel“ sind dafür nach wie vor das Instrument der Wahl. Sie ermöglichen es, die arbeitsbedingten Gesundheitsbelastungen aus Sicht der Betroffenen zu ermitteln und geeignete Maßnahmen zu entwickeln.
VONEINANDER LERNEN Was ist ein Praxisbeispiel für „diversityorientierte Betriebliche Gesundheitsförderung“?
Die Bedeutung der kulturellen Vielfalt zeigt sich beispielsweise im Gesundheitswesen. Aufgrund des demografischen Wandels und des wachsenden Fachkräftemangels wird es immer wichtiger, etwa für die Pflege Arbeitskräfte auch aus Ländern außerhalb der Europäischen Union zu gewinnen, die dafür gezielt angeworben werden. Relativ viele wandern aber nach vergleichsweise kurzer Zeit wieder ab. Das macht eine bessere Integration notwendig. Eine aktuelle Erhebung zeigt, dass für die Entscheidung, zu bleiben oder wieder abzuwandern, meist soziale und gesellschaftliche Faktoren sowie die Arbeitsbedingungen ausschlaggebend sind. Diversityorientierte Betriebliche Gesundheitsförderung ermöglicht es, diese Bedarfe zu erkennen, auf kulturelle Unterschiede einzugehen und Integration und Zusammenarbeit positiv zu gestalten.
VONEINANDER LERNEN Welche Bedeutung hat Betriebliche Gesundheitsförderung insgesamt für Branchen mit besonders hohen Belastungen wie den Pflegebereich?
Neben der Pflege sind etwa das Bauwesen, die Entsorgung, der Handel sowie Boten- und Reinigungsdienste Wirtschaftszweige, in denen die Beschäftigten oft gesundheitlich besonders belastet sind. In diesen Branchen sind häufig so genannte „Basisarbeiter:innen“ mit keiner oder einer relativ geringen beruflichen Qualifikation tätig. Während der SARS-CoV-2-Pandemie haben wir gesehen, wie wichtig sie als Systemerhalter:innen für die Gesellschaft sind. Die wenigen Wochen, in denen ihre Leistung öffentlich anerkannt und ihnen applaudiert wurde, reichen jedoch nicht aus, um die erheblichen Belastungen in diesen Branchen zu kompensieren. Betriebliche Gesundheitsförderung muss diejenigen Zielgruppen adressieren, die den größten Bedarf haben. Durch objektive Indikatoren wie Krankenstände, Erkenntnisse der arbeitsmedizinischen Vorsorge oder Gefährdungsbeurteilungen kann – selbstverständlich unter Beachtung des Datenschutzes – bestimmt werden, welche Branchen, Unternehmen oder auch Gruppen innerhalb eines Unternehmens besonders belastet sind. Im zweiten Schritt geht es dann darum, geeignete gesundheitsförderliche Maßnahmen unter aktiver Einbindung der Basisarbeitenden zu entwickeln. Die Betriebliche Gesundheitsförderung der Zukunft muss ein entsprechendes Sensorium für neue Benachteiligungen, Bedarfslagen und Beschäftigtengruppen entwickeln und die Betroffenen ebenso wie die Entscheidungstragenden mit geeigneten Argumenten für eine gesundheitsfördernde Arbeitsgestaltung gewinnen.
Gudrun Faller ist Gesundheitswissenschaftlerin und Professorin für Kommunikation und Intervention im Kontext Gesundheit und Arbeit an der Hochschule Bochum.