Digitale Tools sollen uns entlasten – und bringen oft neue Belastungen mit sich. Wir haben drei Fachleute gefragt, wie Betriebliche Gesundheitsförderung auf die Digitalisierung reagieren kann und soll.
Text: Dietmar Schobel
Die ersten modernen, frei programmierbaren Computer wurden in den 1940er- und 1950er-Jahren gebaut. Seither wurden in immer kürzeren Abständen neue digitale Technologien entwickelt, die unser Leben und unsere Gesellschaft von Grund auf verändert haben – vom Internet über Smartphones bis zur „Künstlichen Intelligenz“, die erst seit wenigen Jahren breit angewendet wird.
Das gilt speziell auch für die Arbeitswelt, die in ihrer „Version 4.0“ von KI und mobiler Vernetzung geprägt ist. Die Arbeitsprozesse haben sich ebenso gewandelt, wie die Arbeitsrhythmen und die Formen von Leistungskontrolle. „Die Digitalisierung hat dazu geführt, dass Arbeit immer noch effizienter gestaltet und verdichtet wurde“, bringt es Annika Schönauer, Forschungsleiterin beim Think Tank ÖSB Social Innovation in Wien, auf den Punkt.
Chancen und Risiken
Geistige Routinetätigkeiten werden zunehmend digital, körperliche Arbeiten automatisiert erledigt. Das schafft – zumindest in der Theorie – Spielraum für andere Tätigkeiten. Für manche Erwerbstätige ist durch die Digitalisierung und das Arbeiten im Homeoffice auch mehr Autonomie und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie möglich geworden. Für jene, die sich nur schwer abgrenzen können, kann dies allerdings mit der so genannten „interessierten Selbstgefährdung“ verbunden sein. – Sie tun sich also schwer damit, in der 24/7-Arbeitswelt auch einmal abzuschalten. Dazu kommen jene, die mit den neuen digitalen Tools kaum oder gar nicht umgehen können, sowie diejenigen, die als Folge der Digitalisierung um ihren Job fürchten müssen – oder diesen sogar verloren haben.
Tendenziell habe die Digitalisierung mehr Belastungen als Entlastung mit sich gebracht, darin sind sich die von uns dazu befragten Expertinnen und Experten für Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) einig. „Um dem entgegenzusteuern und die Vorteile von neuen digitalen Tools zu nutzen und deren Nachteile zu vermeiden, müssen vor allem die digitalen Kompetenzen der Mitarbeitenden gefördert und weiterentwickelt werden“, meint Andreas Krause, Professor für Angewandte Psychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Zudem sei Partizipation zentral. Die Beschäftigten müssen also bei der Einführung neuer Tools befragt und beteiligt werden.
Ein Sensor für digitale Arbeit
ÖSB Social Innovation hat mit dem „Gesundheitssensor für digitale Arbeit“ ein Instrument dafür entwickelt. Anhand von 30 Fragen kann in übersichtlicher Form analysiert werden, wie sich die Digitalisierung auf die Beschäftigten eines Unternehmens auswirkt. Die Ergebnisse sollen für Beraterinnen und Berater, HR-Verantwortliche und Führungskräfte ein Ausgangspunkt dafür sein, gemeinsam mit den Mitarbeitenden Verbesserungen und speziell BGF-Maßnahmen zu planen und umzusetzen. „Dabei gibt es ein breites Spektrum an Themen – vom Arbeiten im Homeoffice über den Umgang mit E-Mails bis zur digitalen Führung“, sagt Annika Schönauer. Das Ziel dabei sei immer, die Chancen durch die Digitalisierung zu nutzen und die Risiken zu verringern.
Damit beschäftigt sich auch die 2017 gestartete Gemeinschaftsinitiative BGM 4.0 der 64 deutschen Betriebskrankenkassen (BKK), die insgesamt etwa 9,6 Millionen Versicherte vertreten. Bei dieser ist unter anderem die App „Mein Phileo“ zur Gesundheitsförderung entstanden. Jede Betriebskrankenkasse sowie jedes Kunden- oder Trägerunternehmen kann eine eigene individualisierte Version nutzen. Ebenso können die User:innen die App an ihre persönlichen Bedürfnisse anpassen. So können sie etwa zu Beginn einen Themenschwerpunkt für sich wählen, wie zum Beispiel „Mehr Bewegung im Alltag“ oder „Besser schlafen“. „Darauf aufbauend schlägt die App passende Aufgaben, Challenges und Inhalte vor“, erklärt Julia Reichardt, Referentin für Betriebliche Gesundheitsförderung beim BKK Dachverband in Berlin.
Gesund führen 4.0
Das Online Portal „Gesund Führen“ soll mit praxisnahen Formaten, digitalen Lerninhalten und Selbstchecks Führungskräfte dabei unterstützen, sich selbst und ihre Teams gesund, achtsam und leistungsfördernd durch den Wandel zu führen. Mit transform_u wurde im Rahmen von BGM 4.0 eine Plattform für Austausch und Wissenstransfer durch Online-Workshops und Impulsveranstaltungen geschaffen. Und auf www.bgminside.de sollen Unternehmen alles finden, was sie für systematische BGF benötigen.
„Das Ziel unserer Gemeinschaftsinitiative ist es, dass unsere digitalen Angebote die Umsetzung von Betrieblicher Gesundheitsförderung unterstützen, aber die persönliche Beratung durch Expertinnen und Experten der Betriebskrankenkassen nicht ersetzen“, sagt Julia Reichardt zusammenfassend und sie ergänzt: „Auch bei BGF 4.0 soll der Mensch im Mittelpunkt stehen.“
Annika Schönauer: „Durch die Digitalisierung wurde Arbeit immer noch effizienter gestaltet und verdichtet.“
Andreas Krause: „Die digitalen Kompetenzen der Mitarbeitenden müssen gefördert und weiterentwickelt werden.“
Julia Reichardt: „Unsere digitalen Angebote sollen unterstützen, aber die persönliche Beratung nicht ersetzen.“
ILONA KICKBUSCH, EXPERTIN FÜR GLOBALE GESUNDHEIT
VONEINANDER LERNEN Welche Bedeutung hatten und haben diese Veränderungen für die Betriebliche Gesundheitsförderung?
Ilona Kickbusch: Die Arbeitsbedingungen haben wesentlichen Einfluss auf die Gesundheit. Umfassende und systematische Betriebliche Gesundheitsförderung kann entscheidend dazu beitragen, sie zu verbessern. Für viele Erwerbstätige, gerade auch aus der jüngeren Generation, kann sie zudem ein Faktor sein, sich dafür zu entscheiden, in einem bestimmten Betrieb zu arbeiten zu beginnen oder in diesem zu verbleiben. Das gilt speziell auch in Bezug auf die Arbeitsplätze im Gesundheitssektor. Dort sollte es längst selbstverständlich sein, dass für die Beschäftigten Maßnahmen zur Betrieblichen Gesundheitsförderung durchgeführt werden.
VONEINANDER LERNEN Die Ottawa Charta feiert heuer ihr 40-Jahre-Jubiläum. Wo steht die Gesundheitsförderung insgesamt aktuell, in einer Zeit der Polykrisen?
Ilona Kickbusch: Die schwierige wirtschaftliche Lage hat in manchen Ländern dazu geführt, dass im Gesundheitswesen zuerst bei Prävention und Gesundheitsförderung gespart wird. So wurde etwa in Australien, das oft als Vorbild für Gesundheitsförderung genannt wird, im Dezember angekündigt, die Victorian Health Promotion Foundation nicht mehr als unabhängige Agentur zu finanzieren. Auch wenn es in manchen Ländern und Bereichen Fortschritte gab, war es jedoch schon vor den aktuellen Krisen so, dass immer zu wenig in Prävention und Gesundheitsförderung investiert wurde, nicht zuletzt, weil der Nutzen kurzfristig und individuell nur schwer zu fassen ist. Gleichzeitig wissen wir aus zahlreichen Studien, dass durch Prävention und Gesundheitsförderung mit vergleichsweise geringem finanziellem Aufwand große gesundheitliche Verbesserungen erzielt werden können. Dabei greift das „Präventionsparadox“: Präventive Maßnahmen, die für die Bevölkerung und Gemeinschaften einen hohen Nutzen bringen, bieten dem einzelnen Menschen oft wenig. Da durch Prävention der Ernstfall nicht eintritt, wird der Erfolg der Massnahmen nicht voll sichtbar.
VONEINANDER LERNEN Was sind weitere Gründe dafür, dass viele Staaten zwar immer wieder mehr Prävention und Gesundheitsförderung ankündigen – dies aber nur selten verwirklichen?
Ilona Kickbusch: Die Gründe dafür liegen auch im Gesundheitssystem selbst. Die Versorgung von einzelnen Krankheiten einzelner Patientinnen und Patienten liefert in relativ kurzer Zeit sicht- und messbare Ergebnisse. Prävention und Gesundheitsförderung verbessern jedoch über einen relativ langen Zeitraum hinweg die Gesundheit der Bevölkerung insgesamt. Für diese Perspektive ist kein Platz in der Logik eines Gesundheitssystems, das eigentlich ein Krankenversorgungssystem ist. Zudem wird gesellschaftspolitisch nach wie vor viel zu wenig berücksichtigt, dass unsere Gesundheit auch von den Ernährungssystemen, den Wohnverhältnissen, den Bildungssystemen, den Arbeitsmärkten, den Steuersystemen und den Umweltbedingungen wesentlich beeinflusst wird.
Was kann Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) dazu beitragen, diese neuen und oft rasch wechselnden Anforderungen zu bewältigen?
New Work ist gut für die Gesundheit
Ein autoritärer Führungsstil und starre Hierarchien werden in immer mehr Branchen und Unternehmen von neuen Arbeitsformen abgelöst, dem so genannten „New Work“. Teams, die selbst organisieren, wie sie Aufgaben aufteilen und wann sie diese erledigen, sind ein Beispiel dafür. Beim „Shared Leadership“ teilen sich zwei oder mehr Personen die Leitung einer Abteilung oder Organisation. Und bei Modellen wie der „Holokratie“ und der „Soziokratie“ wird sogar die gesamte Organisation in selbststeuernde Kreise oder Einheiten strukturiert. Hierarchien werden abgeflacht, Entscheidungen dezentral getroffen und die Mitarbeitenden stärker eingebunden. In der Schweiz setzen rund 30 Prozent der Erwerbsbevölkerung mindestens eine Form neuer Zusammenarbeit um. Eine aktuelle Überblicksarbeit, für die 47 Studien aus dem Zeitraum 2010 bis 2024 analysiert wurden, deutet darauf hin, dass sich New Work positiv auf die psychische Gesundheit auswirkt. „Arbeitsbezogene Ressourcen wie Autonomie, soziale Unterstützung und Vertrauen können tendenziell erhöht und Faktoren wie die Zufriedenheit, das Engagement und das Wohlbefinden der Erwerbstätigen positiv beeinflusst werden“, fasst Andreas Krause, Professor für Angewandte Psychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz, die Ergebnisse der Forschungsarbeit zusammen.