Dreiländertagung 2026

Mehr Lebens- und Arbeitsqualität in der Pflege

Die Herausforderungen in der Pflege sind groß. Praxisbeispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen, wie Betriebliche Gesundheitsförderung unterstützt, sie zu bewältigen.

Text: Dietmar Schobel

Das Problem ist nicht neu. Der Mangel an Arbeitskräften für die Pflege von kranken und alten Menschen zeichnet sich schon seit Jahrzehnten ab. Bereits in den 1990er-Jahren wird in Fachdebatten, der politischen Diskussion und den Medien vom „Pflegenotstand“ gesprochen. Der demografische Wandel, der Kostendruck im Gesundheitswesen, vergleichsweise schlechte Arbeitsbedingungen und eine relativ geringe Bezahlung werden häufig als Gründe dafür genannt.

Deutschland, Österreich und die Schweiz stehen dabei vor ähnlichen Herausforderungen. Mehr junge Menschen sowie ausländische Fachkräfte für die Arbeit im Pflegebereich zu gewinnen, bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen und die Beschäftigten länger in ihrem Pflegeberuf zu halten, sind wichtige Lösungsideen. Umfassende und nachhaltige Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) kann bei allen unterstützen. Sie sorgt dafür, dass Arbeit attraktiver und gesünder wird.

Beispiele aus der Praxis
Beispiele aus den drei Ländern zeigen, wie das verwirklicht werden kann. Der standardisierten Vorgangsweise systematischer BGF folgend, beginnt das mit der Erhebung des IST-Stands der Arbeitsbedingungen. Die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz hat dafür die „Job-Stress-Analysis“ erarbeitet. Sie ist seit 2012 verfügbar und dient der Erfassung der Belastungen und Ressourcen der Mitarbeitenden in Betrieben. „Beides sollte sich zumindest die Waage halten. Optimal ist jedoch, wenn die Ressourcen die Belastungen überwiegen“, erklärt Samuel Zäch, Projektleiter für Betrieb und Entwicklung von Betrieblichem Gesundheitsmanagement bei Gesundheitsförderung Schweiz.

Für die Mitarbeitenden in Alters- und Pflegeheimen sowie in der spitalsexternen Pflege (Spitex) in der Schweiz wurde 2020 zudem ein Spezialmodul der „Job-Stress-Analysis“ entwickelt. Durch entsprechende Fragen werden darin die besonderen Anforderungen in der Pflege berücksichtigt. Diese können beispielsweise durch Personalmangel, Schichtdienste, Zeitdruck oder hohe emotionale Belastungen entstehen. „Dem stehen Quellen von Gesundheit wie die Anerkennung durch die gepflegten Personen und deren Angehörige oder die Sinnhaftigkeit der Arbeit insgesamt gegenüber. Auch der Zusammenhalt im Team ist eine sehr wichtige Ressource“, weiß Samuel Zäch.

Fotocredit: © Gesundheitsförderung Schweiz

Samuel Zäch: „Der Zusammenhalt im Team zählt zu den wichtigsten Ressourcen bei der Arbeit in der Pflege.“

Fotocredit: © vdek

Nina Ellmerich: „Die Beschäftigten werden beim Programm MEHRWERT:PFLEGE umfassend beteiligt.“

Fotocredit: © Stiefkind Fotografie

Robert Gürtler: „Beim Projekt RESI wurde auch die Perspektive von Bewohnerinnen und Bewohnern der Pflegeheime einbezogen.“

Wissenschaftlich fundiert
Die Job-Stress-Analysis ermöglicht anhand von Benchmarks auch Vergleiche auf der Ebene von Betrieben und von Teams innerhalb einer Organisation. Daraus lässt sich gezielt der Handlungsbedarf ableiten. In der Folge können alle Mitarbeitenden dabei einbezogen werden, gemeinsam entsprechende gesundheitsförderliche Maßnahmen zu planen und umzusetzen – zum Beispiel in Bezug auf die Gestaltung des Dienstplans, die Verteilung der Aufgaben oder ergonomischeres Arbeiten.

68 Millionen Euro für BGF in der Pflege
In Deutschland ist Betriebliche Gesundheitsförderung in der Pflege – ebenso wie in anderen Wirtschaftszweigen – schon seit den 1990er-Jahren ein wichtiges Thema. 2024 wurden im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung laut dem „Präventionsbericht 2025“ pro Versichertem 9,21 Euro und insgesamt etwa 686 Millionen Euro für Gesundheitsförderung und Prävention ausgegeben. Davon wurden rund 68 Millionen Euro für BGF in der Pflege aufgewendet.

Seit Juni 2019 gibt es in Deutschland bundesweit das Angebot „MEHRWERT:PFLEGE“, das vom Verband der Ersatzkassen e. V. (vdek) organisiert wird. „Krankenhäuser, stationäre Pflegeeinrichtungen und ambulante Pflegedienste, die ein betriebliches Gesundheitsmanagement für ihre Beschäftigten aufbauen oder weiterentwickeln möchten, werden durch qualifizierte Beratungspersonen kostenfrei beraten und begleitet“, erklärt Nina Ellmerich, Referentin beim vdek. Der strukturierte Prozess beginnt auch hier mit einer Bedarfsanalyse der aktuellen Situation in der Organisation, aus der dann gesundheitsförderliche Maßnahmen abgeleitet und umgesetzt werden.

„Die Beschäftigten werden dabei umfassend beteiligt und als Expertinnen und Experten für ihren jeweiligen Aufgabenbereich am Arbeitsplatz betrachtet“, betont Nina Ellmerich. Ein „Gesundheitsbaukasten“ hält im Rahmen von „MEHRWERT:PFLEGE“ unterstützend Angebote bereit, die sowohl die Arbeitsverhältnisse als auch das individuelle Gesundheitsverhalten adressieren und bedarfsbezogen in jeder Einrichtung genutzt werden können. Das Spektrum reicht von Stressbewältigung über lebensphasengerechtes Arbeiten bis zu Kommunikation und Bewegung. Der gesamte Prozess sieht auch eine Erfolgskontrolle vor und wird über circa zwei Jahre durchgeführt.

Resilienz fördern mit „RESI“
Das Projekt RESI zur „Resilienzförderung in Pflegeeinrichtungen“ wurde mit Unterstützung durch den Fonds Gesundes Österreich in sechs Pflegeheimen der Volkshilfe im österreichischen Bundesland Steiermark zwischen April 2022 und September 2024 durchgeführt. Zunächst wurde der Bedarf in den vier Handlungsfeldern Tätigkeit, Arbeitsumgebung, Abläufe und Prozesse sowie Zusammenarbeit und Kommunikation festgestellt. „Dabei wurde nicht nur die Perspektive der Mitarbeitenden, sondern auch jene von Bewohnerinnen und Bewohnern einbezogen“, sagt Robert Gürtler von der steirischen Einrichtung für Gesundheitsförderung Styria vitalis, die das Projekt begleitet hat.

Bei RESI wurden in der Folge zahlreiche Maßnahmen partizipativ geplant und umgesetzt, wie beispielsweise:

eine Box, in die Mitarbeitende Lösungsvorschläge für Probleme einwerfen können

das Einrichten eines Bereichs des Heimes als Café für Besucher:innen

Besuche durch Kindergartenkinder und Schüler:innen

oder regelmäßige Wunschkonzerte, Filmabende oder Pyjamaparties für Bewohner:innen und Angehörige.

Laut der abschließenden Evaluation hat das Projekt „die Lebens- und Arbeitsqualität in den sechs Pflegewohnheimen erfolgreich erhöht“.

Nicht zuletzt ist dabei auch die so genannte „RESI-Box“ entstanden, die unter https://styriavitalis.at/information-service/downloads/resi-box kostenlos zur Verfügung steht. Neben vielen weiteren Arbeitsmaterialien enthält sie ein „Handbuch“ mit praxisnahen Anregungen und Kurzinterventionen zur Stärkung der Resilienz in Pflegeeinrichtungen – zum Beispiel zur Förderung von Wertschätzung, eines konstruktiven Miteinanders und von Optimismus.

„Der Klimawandel und dessen Folgen werden immer spürbarer.“

WILLI HAAS, FORSCHER AM INSTITUT FÜR SOZIALE ÖKOLOGIE IN WIEN

Gesundheit und Nachhaltigkeit
Ein aktueller Wissensband des Fonds Gesundes Österreich und des BKK Dachverbands beschreibt, was die Themen Gesundheit und Klimaschutz gemeinsam haben und wie sie durch Betriebliche Gesundheitsförderung miteinander verbunden werden können. Die 84 Seiten starke Broschüre enthält Argumente, Qualitätskriterien und Praxisanregungen für Gesundheit und Nachhaltigkeit im Setting Betrieb und steht unter https://fgoe.org/node/4702 kostenlos zum Download zur Verfügung.

Fotocredit: © Jo Hloch

Willi Haas wurde 1959 geboren, war Geschäftsführer des Österreichischen Ökologieinstitutes, Acting Director der Environmental Monitoring Group in Kapstadt und forscht seit 1998 am Institut für Soziale Ökologie, das seit 2018 an der Universität für Bodenkultur Wien angesiedelt ist.

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